Archiv der Kategorie 'essays'

WohnHaft: Wohnen als Technologie der Normalisierung

von Jürgen Mümken (hier)

I. Entdeckung und Institutionalisierung der „Wohnungsnot“

Während des Prozesses der Industrialisierung verschlechterten sich die Lebens- und Wohn-verhältnisse der unteren Klassen zunehmend. Diese besaßen eine ungeheure soziale Sprengkraft; um sie abzufedern, beschäftigte sich die bürgerliche Sozialreform mit der „ArbeiterInnenwohnungsfrage“. Mit der Entdeckung der „Wohnungsnot“ und dessen Institutionalisierung schufen sich Staat, Kirche und Kapital ein manipulierbares Spielfeld sozialer Fürsorge. Die Wohnung, der Ort der Reproduktion der Arbeitskraft, wurde zum Spielball bürgerlicher Sozialreform. Nicht die Lösung der Wohnungsfrage sollte in den Mittelpunkt gestellt werden, sondern die „Wohnungsnot“, die systemunabhängig betrachtet werden sollte. Dafür wurde ein eigenes Politikfeld geschaffen: die Wohnungspolitik. (mehr…)

Anarchistische Alternative

Wieso werden in einer Gesellschaft in der sich, wie es in der Presse heißt, die Zivilgesellschaft ausweitet gleichzeitig die staatlichen Repressionsinstrumente immer weiter ausgebaut? Wo liegen eigene Fehler der Basisbewegungen der 70er und 80er, die ihre politische Kaltstellung erleichtert haben? Inwieweit gilt die Analyse in diesem Text auch für die postmoderne Gesellschaft? Welche Handlungsalternativen gibt es für AnarchistInnen heute? Was bedeutet dies für das anarchistische Selbst- bzw. Subjektverständnis? (mehr…)

Die Entkörperung des ‚Soldatischen Mannes‘[1]

Die Entwicklung der hochtechnisierten Militärapparate, insbesondere in den USA, spiegelt sich mit ihren Ängsten und Ambivalenzen wieder im Alltagsdiskurs. Lesen wir das Script, der derzeit in der Produktion befindlichen, neusten Kinofolge[2] von ‚Raumschiff Enterprise – Next Generation‘ in diesem Sinn, so wird in der Konfrontation der Sternenflotte mit den Borgs[3], die Ambivalenz moderner Militärentwicklung deutlich. Die Mitglieder der Sternenflotte, als ausgesprochen kultivierte, die Werte der modernen amerikanischen Zivilisation verkörpernde, SoldatInnen stehen den, zum technisierten Massenkörper gewordenen, Cyborgs, kurz Borgs, gegenüber im Kampf ums Überleben der Zivilisation. Diese beiden Pole der Auseinandersetzung stellen zwei Aspekte der Entwicklung des modernen Militärs dar. (mehr…)

Thesen zur Autonomen Bewegung(1994)

1. Wir kämpfen für uns, andere kämpfen auch für sich, und gemeinsam sind wir stärker. Wir führen keine Stellvertreterkriege, es läuft über „eigene Teilnahme“, Politik der 1.Person. Wir kämpfen für keine Ideologien, nicht fürs Proletariat oder fürs Volk, sondern für ein selbstbestimmtes Leben in allen Bereichen, wohl wissend, daß wir nur frei sein können, wenn alle anderen auch frei sind!
Aber auch wir haben eine Ideologie: Es geht uns dabei um Eigenverantwortung und Selbstbestimmung als gesellschaftspolitisches Ziel und Mittel zu deren Durchsetzung. Es geht uns aber auch um Moral, Gerechtigkeit und Würde. Und in diesem Zusammenhang führen wir auch manchmal Stellvertreterkriege, wenn wir betroffen sind von dem Leid und Unterdrückung gegen andere. (mehr…)

Ich glaube an die Deutsche Bank, denn die zahlt aus in bar

Die Managementtheorie erscheint heute als Theologie nach dem Tode Gottes: Stan Davis und Christopher Meyer erteilen den Rat erfahrener Männer
Theoretisch vorbelasteten Leserinnen und Lesern des Buches „Das Prinzip Unschärfe“ von den beiden Managern des Ernst & Young Konzerns Davis und Meyer werden möglicherweise während ihrer Lektüre öfter folgende Sätze eines älteren Autorenduos einfallen, die den Anfang eines Prozesses beschreiben, dessen Konsequenzen hier dargestellt und gleichsam abgefeiert werden. „Unsicherheit und Bewegung“, so Marx und Engels vor mehr als hundertfünfzig Jahren über den sich gerade mit aller Macht durchsetzenden Industriekapitalismus, „zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen zu sehen.“ (mehr…)

Kleine magisch-religiöse Wortkunde des Kapitalismus

Erlös – die immanenzreligiös gewandelte Form des christlichen Erlösungsversprechens. Mit dem Erlös wird die einstige Hoffnung auf ewige Seligkeit zur Unendlichkeit der Geldvermehrung, also zu einem rein weltimmanenten Geschehen mit dem einzigen Zweck, sich als eben dieses Geschehen in der Art eines ewigen Kreislaufs in die Leere einer unabsehbaren Zukunft hinein zu reproduzieren. Der Erlös ist die in Permanenz gesetzte Gewinnung von G‘ aus G über W, ein prinzipiell unabschließbarer Prozess, in welchem Erlösung im herkömmlich religiösen Sinn, nämlich als Überwindung der Zeit, sich in die Verewigung von Vergänglichkeit verkehrt, indem die Aufhebung der Zeit unter das Diktat ihrer maßlosen Beschleunigung gezwungen wird. (mehr…)